MINUTES OF THE 2nd CONFERENCE OF EUROPEAN RARITIES COMMITTEES IN HELGOLAND, GERMANY

(Oct 02-09 1993)

Sponsored by CARL ZEISS Binoculars Division

Participants:

Die Teilnehmer der Helgoland-Konferenz / Participants of the second Conference of European Rarities Committees on Helgoland, Germany, October 1993: Philippe Dubois (F), Paul Mosimann (CH), J.T.R. Sharrock (GB), Urban 0lsson (S), Marc Duquet (F), Alan Knox (GB), Lasse J. Laine (SF), Eduardo de Juana (E, P), Paul van Sanden (B), Walter W. Mergen (Zeiss D), Peter H. Barthel (D), Jan Lontkowski (PL, kniend), Mario Camici (CH), Attila Bankovics (H), Agris Celmins (Lettland), Michal Skakuj (PL), René-Marie Lafontaine (B), Tadeusz Stawarczyk (PL), Claudia Wilds (USA), Gunnlaugur Pétursson (IS), Josef Chytil (Tschechien), Paul Herroelen (B), Andreas Ranner (A), Christine Barthel (D), Cecilia A.W. Bosman (NL), Andrej Sovinc (SLO), Christian Cederroth (S), Tom Conzemius (L), Rune G. Bosy (N), Frank Stühner (D), Wim Wiegant (NL) und, Arnoud B. van den Berg.

Vom 2.-9. Oktober 1993 fand auf Helgoland die zweite Konferenz europäischer Seltenheitenkommissionen statt, an der auf Einladung von Limicola und der Deutschen Seltenheitenkornmission 32 Delegierte aus 19 europSischen Ländern und den USA teilnahmen (s. Foto). Großzügige Förderung erfuhr die Konferenz durch den Geschäftsbereich Ferngläser und Photoobjektive von CARL ZEISS.
Um die europaweite Zusammenarbeit im seriösen Umgang mit Seltenheiten auf der Grundlage der anläßlich des ersten Treffens 1991 auf Texel verabschiedeten Richtlinien (abgedruckt in Limicola 7, 1993: 211-213) weiter zu verbessern und den Informationsaustausch zu erleichtern, wurde die "Association of European Rarities Committees"
(AERC) gegründet. Zu ihren Aufgaben gehört auch

  1. die B ildung von nach den Texel-Richtlinien arbeitenden Seltenheitenkommissionen in den wenigen europäischen Ländern zu fördern, in denen solche noch nicht arbeiten
  2. nationalen Kornmissionen auf Wunsch Hilfestellung zu geben,
  3. eine offizielle Liste der V6gel Europas zu erstellen und fortzuschreffien und
  4. regelmäßige Treffen aller europäischen Kommissionen zu organisieren. Bis zum nächsten Treffen, das auf Einladung von Attila Bankovics voraussichtlich im August 1995 in Ungarn stattfinden wird, befindet sich das Sekretariat der AERC in Deutschland.

Wichtigste aktuelle Aufgabe ist die Zusammenstellung der europäischen Artenliste, die analog zur deutschen und britischen Liste die Kategorien A-D enthalten wird. Hierfür werden von allen Ländern äItere Meldungen extremer Seltenheiten erneut überprüft. Mit der Vorbereitung wurde Christian Cederroth betraut. Die Erstellung emes gemeinsamen europäischen Jahresberichts bemerkenswerter avifaunistischer Ereignisse wurde diskutiert, wird aber frühestens beim nächsten Treffen entschieden. Für nationale Berichte und Artenlisten wurde beschlossen, auch weiterhin der bewährten Systematik von Voous (1977) zu folgen (mit geringen Abweichungen, z.B. Braunschnäpper Muscicapa dauurica statt latirostris, Spornpieper Anthus richardi statt novaeseelandiae, die kleinen Goldregenpfeifer in Pluvialis dominica und fulva, der Wasserpieper-Komplex in Anthus spinoletta, petrosus und rubescens gesplittet, nitidus und plumbeitarsus als Unterarten des Grünlaubsängers Phylloscopus trochiloides eingestuft). Nachweise von Seltenheiten in der Türkei sollen von der Kommission des Heimatlands des Beobachters behandelt (und dann bei Max Kasparek und der OSME archviert) werden, bis eine eigene türkische Kommission gegründet ist.
Viel Raum nahm die Diskussion über die wachsende Zahl der aus Gefangenschaft entkornmenen Vögel ein. Aus einigen Ländern gab es aktuelle Situationsberichte, die leider zeigten, daß inzwischen nahezu jede Vogelart gehandelt wird. Die UrsprungsIänder der Importe wechseln von Zeit zu Zeit. Aus Rußland werden derzeit ganze Lastwagenladungen über die osteuropäischen Länder und teilweise unter Einschaltung dortiger Dealer nach Mitteleuropa gebracht, eine kaum noch ermeßliche Menge (darunter Massen ostpaläarktischer Wintergäste) kommt in Chartflugzeugen aus China. In der Vergangenheit den viele Vögel aus Indien (bes Ammern Emberiza spec., z.B. 1978 allein aus Kalkutta 14.345 Braunkopf- E. bruniceps und 22.287 Kappenammem E. melanocephala) und Afrika (darunter auch Steinschmätzer Oenanthe spec.) eingeführt, doch scheinen these Quellen momentan weniger bedeutend zu sein. Zur Zeit ist Pakistan (u.a. mit Brannellen Prunella spec. und Steppenadlem Aquila nipalensis) gut auf dem Markt repräsentiert, und auch die Importe aus Mittel- und Südamerika nehmen wieder zu und bestehen nicht nur aus Papageien Psittaciformes, sondern auch aus dort überwinternden Limikolen (u.a. Wiesenstrandläufer Calidris minutilla und die amerikanische Unterart mexicanus des SteIzenläufers Himantopus himantopus). Gewaltig sind die Anzahlen von Wildvögeln, die im Herbst in China gefangen und oft über Hongkong innerhalb kürzester Zeit nach Europa gebracht werden, hier also noch während der Zugzeit, zu der ein natürliches Aultreten möglich wäre, angeboten werden. Die bei den Händlern eingehenden "gemischten Ladungen" enthalten auch Arten, deren Handel hier verboten ist (z.B. können die chinesischen Fänger oft den verbotenen Blauschwanz Tarsiger cyanurus nicht von der erlaubten Blaunachtigall Luscinia cyane unterscheiden), oder die sich schlecht verkaufen lassen (Ammem sind momentan nicht sehr gefragt), was manchmal dazu fürt, daß diese Vögel vom Importeur einfach freigelassen werden.
Beispiele aus den Niederlanden zeigen, daß einzelne Händler 30.000 ostpaläarktische Vögel in ihren Käfigen haben. Belgien ist offenbar die wichtigste Drehscheibe des Vogelhandels (Paul Herroelen legte hierzu einen ausführlichen Bericht vor), doch auch Deutschland, Großbritannien und die Niederlande sind gut im Geschäft. Es wird geschätzt, daß es dabei urn mehrere hunderttausend Vögel pro Jahr geht, wobei dieser Handel. völlig legal ist. Illegale Importe (z.B. von Rosenmöwe Rhodostethia rosea oder Riesenseeadler Haliaeetus pelagicus) gelangen in geringer Zahl über Polen und die Tschechische Republik nach Westen. In Deutschland werden allein 25.000 Greifvögel und Falken legal in Gefangenschaft gehalten (plus einer unbekannten Anzahl illegaler Vögel), und nach Schätzungen entkommen alljährlich etwa 10 %. Da Hybriden von Falken keinen so strengen Auflagen unterliegen, werden sie momentan bewußt gezüchtet, denn selbst einander so undähnliche Arten wie Merlin Falco columbarius und Gerfalke F. rusticolus lassen sich kreuzen. Die Seltenheitenkommissionen kamen zu dem Ergebnis, daß inzwischen alle an Ger- oder Würgfalke F. cherrug erinnernden Großfalken eigentlich kaum im Freiland bestimmt werden dürften und in der Hand untersucht werden müßten, wobei manchmal vielleicht nur ein DNA-Test ihre wahre Identität aufdecken kann. Vollends hoffnungslos ist die Situation auch bei den in Massen gehaltenen (und wahllos hybridisierenden) amerikanischen und asiatischen Entenvögeln Anseriformes.
Viele europäische Länder haben aus dieser Entwicklung Konsequenzen gezogen und manche Arten gar nicht erst in die Landeslisten aut`genommen oder in Kategorie D verbannt. Aufgrund fehIender Kenritnis des eigenen und gesamteuropäischen Vogelmarkts, sicher auch verbunden mit dem Druck, den die dort rnachtige Lobby der Raritätenjäger ausübt, werden sie mancherorts aber noch als Wildvögel behandelt. Sämtliche Länderkommissionen sollten den Vogelmarkt stärker im Auge behalten und Freilandnachweise holarktischer Arten künftig auch dann in einem Anhang zum Jahresbericht aufführen, wenn es sich erwiesenermaßen urn Gefangenschaftsflüchtlinge gehandelt hat. Das Thema soll bei der nächsten Konferenz erneut behandelt werden. Vielleicht könnte dies ja sogar zur Umbenennung aller Seltenheitenkommissionen in "Komitees zur Erforschung der Verteilung und Überlebensrate entflogener Käfigvögel" führen... Doch glücklicherweise sind hauptsächlich die auch tiergeographisch relevanten Halb-Seltenheiten von wissenschaftlichem Interesse, während die befremdlichen "Erstnachweise" aus dem äußersten Osten Asiens (wie Blaunachtigall oder Braunschnäpper Muscicapa dauurica) meist nicht viel mehr Bedeutung haben, als die ilmen von einigen Kreuzchensammlern beigemessene.
Daneben wurden auch neue Erkerintnisse der Bestimmungstechnik vorgestellt und diskutiert, z.B. bei Seeschwalben Sternidae (C Wilds), Laubsängern Phylloscopus und Ammern (U. 0lsson) und dern komplizierter Komplex urn die WeißKopfmöwe Larus cachinnans herum (P. Dubois). Da war es fas schon eine Entspannung, daß einige der internationalen Bestimmungsexperten sehr zur Freude der gleichzeitig in großer Zahl auf dei Insel anwesenden Vogelbeobachter eher beiIäufig auch selbst ein paar Seltenheiten entdeckten, so Deutschlands zweiten Feldrohrsänger Acrocephalus agricola und dritten Isabellwürger Lanius isabellinus, bei dener eine Herkunft aus Gefangenschaft gleichwoh wenig wahrscheinlich ist.